LESEPROBE KAPITEL 1

„VANTA – Das Lakewood-Projekt“

Kapitel 1

 

 

Der Regen hatte aufgehört, kurz bevor ich das Ortsschild von Lakewood erreichte. Das verwitterte Schild tauchte zwischen den dunklen Bäumen auf, als ich näher kam.

WELCOME TO LAKEWOOD

Population: 6,214

Die weißen Buchstaben waren vom Regen verblasst. Das Schild wirkte älter, als ich es in Erinnerung hatte. Kleine Risse im Lack, Moos am unteren Rand. Dahinter führte die schmale Straße direkt zwischen dunklen Kiefern hindurch.

Ich umklammerte das Lenkrad etwas fester. Leicht nervös. Ich war seit Jahren nicht mehr hier gewesen. Vielleicht sogar noch länger. Lakewood war nie ein Ort gewesen, an den ich zurückkehren wollte. Nicht freiwillig. Nicht nach allem, was mit meinem Vater passiert war.

Und trotzdem war ich jetzt hier. Allein. Mit einem Kofferraum voller Umzugskartons und dem Schlüssel zu einem Haus, das ich kaum noch kannte.

Zwischen den Bäumen blitzte plötzlich Wasser auf. Der See. Still und grau unter dem wolkenverhangenen Himmel. Ich schluckte. Seltsam, wie vertraut sich trotzdem alles anfühlte. Die Tankstelle am Stadtrand. Das kleine Diner an der Kreuzung. Der verblasste Schriftzug des alten Kinos. Nichts schien sich verändert zu haben. Und genau das machte es irgendwie unangenehm.

Das Haus meines Vaters lag etwas außerhalb der eigentlichen Stadt. Direkt am Waldrand, mit Blick auf den See. Als ich die Auffahrt hinauffuhr, knirschte Kies unter den Reifen. Das kleine zweistöckige Haus wirkte verlassen, aber nicht heruntergekommen. Die große Holzfassade war feucht vom Regen, die Veranda leicht schief.

Ich stellte den Motor ab. Stille. Nur das entfernte Rauschen des Sees und irgendwo Vogelstimmen. Einen Moment blieb ich einfach sitzen. Hier hatte mein Vater gelebt. Mit meiner Mutter, bis sie schwer krank wurde. Der Gedanke fühlte sich plötzlich schwerer an als während der gesamten Fahrt.

Langsam stieg ich aus. Die Luft roch nach nasser Erde und Frühling. Nicht unangenehm. Eigentlich sogar schön.

Ich öffnete gerade den Kofferraum, als plötzlich ein lautes Fauchen durch die Stille schnitt. Erschrocken fuhr ich herum. »Oh mein Gott.«

Eine dreifarbige Katze saß mitten auf der Veranda und starrte mich an, als hätte ich sie persönlich beleidigt, indem ich mein eigenes Grundstück betreten hatte. Noch bevor ich reagieren konnte, sprang die Katze elegant vom Geländer.

Direkt hinter ihr tauchte eine Frau auf. »Mister Pickles!«

Die ältere Dame eilte erstaunlich schnell über den Nachbargarten heran. Ihre grauen Locken standen leicht vom Wind ab, in den Armen hielt sie zwei Einkaufstüten und hinter ihr liefen mindestens drei weitere Katzen.

»Es tut mir schrecklich leid«, sagte sie außer Atem. »Der Kater hält sich für den Besitzer der gesamten Straße.«

Ich musste unwillkürlich lachen. »Schon okay.«

Die Frau blieb vor mir stehen und musterte mich neugierig. Sehr neugierig. Dann weiteten sich ihre Augen plötzlich. »Moment mal.«

Kurze Pause.

»Du bist Andrew Dawsons Tochter.« Nicht einmal eine Frage.

Ich nickte leicht. »Emma.«

»Ach du meine Güte.« Sie stellte sofort ihre Einkaufstüten ab. »Emma Dawson. Natürlich. Du sahst als Kind schon genauso aus.« Sie streckte mir die Hand entgegen. »Martha Bloom.«

Noch ehe ich reagieren konnte, redete sie bereits weiter. »Ich wohne direkt nebenan. Falls du Zucker brauchst, Kaffee oder jemanden, der dir erzählt, welcher Nachbar heimlich trinkt – ich bin deine Frau.«

Diesmal musste ich wirklich lachen.

Die Katzen schlichen inzwischen um meine Beine. Eine schwarze Katze sprang sogar direkt auf die Veranda meines Hauses. Eine kleine weiß-graue Katze schnupperte neugierig an meinem Bein.

»Du hast … viele Katzen.«

»Nur sieben. Okay, eigentlich acht. Aber eine vermisse ich seit letzter Nacht.« Martha strich einer grau getigerten Katze über den Rücken, die sich sofort schnurrend an ihr Bein drückte. »Sie bleibt eigentlich nie so lange weg. Ich habe heute Morgen schon die ganze Nachbarschaft abgesucht. Sie macht mir einfach unheimlich Sorgen.«

Mein Blick hob sich. »Hoffentlich taucht sie bald wieder auf.«

Martha nickte langsam und seufzte leise. Dann deutete sie plötzlich zu meinem Haus hinüber. »Dein Vater hat den Garten immer geliebt.«

Mein Blick wanderte automatisch hinüber zu den Beeten entlang der Veranda. Leere Erde, ein paar Wildblumen. Nichts Besonderes.

»Er hat ständig irgendetwas eingepflanzt«, murmelte Martha. »Seltsame Arbeitszeiten, aber wunderschöne Rosen.«

Für einen kurzen Moment wurde es still zwischen uns, und ich spürte dieses unangenehme Ziehen in der Brust wieder. Ich wusste kaum noch etwas über meinen Vater. Nicht wirklich. Nur Bruchstücke, Anrufe, Geburtstagskarten und monatelange Funkstille. Und jetzt war dieses Haus alles, was von ihm geblieben war.

Meine Eltern hatten sich früh getrennt. Ich wuchs bei meiner Mutter auf – bis sie schwer krank wurde und wir hierherzogen. Zu meinem Vater. Später, nach meinem Schulabschluss, verließ ich die Stadt wieder für die Universität.

Martha schien meine Gedanken zu bemerken. »Er hat oft auf den See hinausgestarrt«, sagte sie leiser. »Besonders nachts.«

Ich hob leicht den Kopf. »Nachts?«

»Mhm.« Martha nickte langsam. »Ich glaube nicht, dass Andrew Dawson jemals wirklich ruhig geschlafen hat. Denn als du weggezogen bist, war er immer bemüht, deiner Mutter zu helfen. Bis sie …«

Martha sprach nicht zu Ende. Musste sie auch nicht. Sie blieb noch eine Weile stehen und redete weiter über irgendwelche Nachbarn, die ich nicht kannte, über den besten Apfelkuchen im Ort und darüber, dass der Besitzer des Diners angeblich seine eigene Cousine betrogen hatte. Ich hörte nur halb zu, nickte gelegentlich und versuchte gleichzeitig, die Müdigkeit aus meinen Knochen zu ignorieren.

Irgendwann sammelte Martha schließlich ihre Einkaufstüten wieder ein. »Wenn du irgendwas brauchst«, sagte sie noch einmal und deutete mit dem Kopf auf das Nachbarhaus, »wirklich irgendwas – klopf einfach.«

»Danke.«

»Und lass dich von Mister Pickles nicht einschüchtern.«

Die dreifarbige Katze saß inzwischen wieder auf meinem Verandageländer und starrte mich an, als würde sie mich aus dem Ort vertreiben wollen. Martha verschwand lachend zwischen den Bäumen ihres Gartens, gefolgt von ihren Katzen.

Dann war ich allein. Wieder Stille.

Ich drehte mich langsam zum Haus um. Es wirkte plötzlich größer als zuvor. Vielleicht lag es daran, dass jetzt niemand mehr sprach. Kein Motorengeräusch. Kein Regen. Nur Wind, der leise durch die Bäume strich.

Langsam zog ich den Schlüssel aus meiner Jackentasche und schloss die Haustür auf. Das alte Holz knarrte leise, als ich die Tür aufdrückte. Kühle Luft schlug mir entgegen. Das Haus roch nach Staub, Holz und etwas Vertrautem, das ich nicht richtig greifen konnte. Nicht unangenehm. Einfach … alt.

Ich trat hinein und blieb stehen.

Leere. Fast alles war leer. Keine Couch, kein Esstisch, keine Regale. Nur kahle Räume mit dunklem Holzboden und weißen Wänden. Die Möbel meines Vaters waren offenbar bereits abgeholt oder verkauft worden. Vielleicht hatte er selbst vieles weggegeben, bevor er gestorben war. Ich wusste es nicht.

Das Einzige, was geblieben war, war die Küche. Und selbst dort standen nur vereinzelte Dinge: eine alte Kaffeemaschine, zwei Gläser, ein Messerblock, vergilbte Geschirrtücher.

Ich stellte meine Reisetasche langsam auf dem Boden ab. Plötzlich fühlte sich alles seltsam echt an. Mein Vater war tot. Und jetzt stand ich in seinem Haus wie eine Fremde. Mit nichts außer meinen eigenen Sachen.

Ich ging zurück zum Auto und sah in den geöffneten Kofferraum. Kleidung, Fotos, Geschirr, Bücher und ein bisschen Dekoration – mehr hatte ich nicht mitgebracht. Neue Möbel musste ich erst noch kaufen. Zum Glück hatte mein Vater mir genug Geld hinterlassen.

Ich hielt einen Moment inne und dachte genauer darüber nach. Es war eigentlich mehr als genug. Genug für Möbel, für Renovierungen, für ein ganzes Leben hier. Aber genau dieser Gedanke machte mich nur noch unruhiger. Warum besaß ein einfacher Wissenschaftler in einer kleinen, abgelegenen Stadt wie Lakewood so viel Geld? Ich schob die Frage sofort wieder beiseite. Nicht jetzt, Emma. Konzentriere dich auf deinen Umzug.

Mit einem tiefen Atemzug begann ich, die ersten Kartons ins Haus zu tragen. Immer wieder lief ich zwischen Auto und Veranda hin und her. Die Mittagssonne brach inzwischen gelegentlich durch die Wolken und tauchte den See hinter den Bäumen in ein warmes, trügerisches Gold.

Das Haus selbst blieb still. Zu still. Meine Schritte hallten unnatürlich laut durch die leeren Räume. Im Wohnzimmer stellte ich die Kartons ordentlich an die Wand, in der Küche stapelte ich mein mitgebrachtes Geschirr auf die kahle Arbeitsplatte. Oben im zukünftigen Schlafzimmer legte ich meine Kleidung direkt auf das nackte, staubige Parkett.

Keine Vorhänge, kein Bett, kein Leben. Nur ich.

 

Als ich schließlich den letzten Karton abgestellt hatte, schmerzten meine Arme. Ich blieb mitten im Wohnzimmer stehen und sah mich erneut um. Es fühlte sich nicht wie zu Hause an. Noch nicht. Vielleicht niemals.

Ich atmete leise aus und dachte wieder an meinen Vater. Daran, wie er abends hier im Wohnzimmer gesessen und mir als Kind Geschichten vorgelesen hatte. Dann kam die Trennung. Meine Mutter und ich zogen fort von ihm. Doch ich hatte schon damals gespürt, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Ihre Krankheit war immer da gewesen – still, schleichend, verborgen unter müden Blicken und langen Nächten. Bis sie schließlich vollends ausbrach und meine Mutter beschloss, zurück nach Lakewood zu ziehen. Zurück zu meinem Vater. Kurz danach war sie verstorben.

Draußen bewegten sich die Äste der hohen Kiefern langsam im Wind. Für einen kurzen Moment glaubte ich, oben zwischen den Baumspitzen etwas Dunkles auf dem Hügel erkennen zu können: das Blackwood-Anwesen. Nur die Umrisse, fast vollständig vom Wald verschluckt.

Ich wandte den Blick sofort wieder ab. Irgendwie mochte ich das beklemmende Gefühl nicht, das dieses Anwesen in mir auslöste. Stattdessen griff ich entschlossen nach meinen Autoschlüsseln. Prioritäten. Ich brauchte Möbel, Farbe, Lampen, Werkzeug – wahrscheinlich einfach alles.

Also schloss ich das Haus wieder ab und stieg zurück in den Wagen. Ich ließ den Motor aufheulen und fuhr los. Die Straße in Richtung Stadt war inzwischen fast trocken. Lakewood wirkte im Tageslicht friedlich. Fast schon schön.

 

Eine halbe Stunde später stand ich schließlich vor einem kleinen Möbelgeschäft am Rand der Stadt und starrte auf ein viel zu teures graues Stoffsofa, während ein älterer Verkäufer mir erklärte, warum rustikaler Minimalismus gerade modern war. Ich kaufte das Sofa trotzdem. Dazu einen Tisch, Stühle, ein Bett, einen Kleiderschrank, ein paar Lampen und weitaus mehr Kleinkram, als ich eigentlich geplant hatte.

Am Ende mietete ich sogar einen kleinen Transporter, weil unmöglich alles in meinen eigenen Wagen gepasst hätte.

Der Fahrzeughändler drückte mir die Schlüssel in die Hand. »Neu in Lakewood?«

Ich nickte leicht. »Ich bin gerade erst hergezogen.«

»Ah.« Der Mann lächelte freundlich, ehe er hinzufügte: »Dann hoffen wir mal, dass dich die Stadt freundlich behandelt.«

Irgendetwas an der Art, wie er das sagte, ließ mich kurz innehalten. Doch bevor ich nachfragen konnte, wandte er sich bereits dem nächsten Kunden zu.

 

Der Baumarkt lag direkt hinter einer kleinen Tankstelle am Rand von Lakewood. Schon beim Betreten schlug mir dieser typische Geruch entgegen: Holz, Staub und kaltes Metall. Irgendwo im hinteren Bereich piepte monoton ein Gabelstapler.

Ich schob den Einkaufswagen langsam zwischen den hohen Regalen hindurch und fragte mich zum dritten Mal innerhalb weniger Minuten, warum ich geglaubt hatte, Renovieren wäre eine gute Idee. Vor allem allein. Ich hatte bereits Farbeimer, Rollen, Abdeckfolie, Schrauben und Klebeband im Wagen liegen. Jetzt stand ich vor einer Wand voller Werkzeuge und starrte sie an, als wären sie medizinische Geräte aus einem fremden Land. Bohrmaschinen, Schleifgeräte und unzählige Aufsätze – ich hatte absolut keine Ahnung, was ich eigentlich brauchte.

»Wenn Sie die falschen Schraubaufsätze benutzen, ruinieren Sie sich im schlimmsten Fall das ganze Material.« Die Stimme hinter mir kam ruhig, sachlich und seltsam tief.

»Oh«, entfuhr es mir hilflos. Ich drehte mich um.

Ein Mann stand nur wenige Schritte entfernt und hielt zwei verschiedene Schraubendreheraufsätze in der Hand. Ein graues, enges T-Shirt umrahmte ein markantes, helles Gesicht mit einem perfekt gepflegten Dreitagebart. Seine Haare waren dunkel, weder zu kurz noch zu lang, und saßen trotz des stürmischen Wetters draußen tadellos.

Aber es waren seine Augen, die mich für einen Moment völlig aus dem Konzept brachten – ein auffallend klares, intensives Blau. Er wirkte unglaublich attraktiv, strahlte dabei jedoch eine Gelassenheit aus, die fast schon an Eleganz grenzte.

Neben ihm kam ich mir mit meinen braunen Haaren und den dunklen Augen plötzlich viel unruhiger vor als ohnehin schon. Er war definitiv niemand, der üblicherweise fremde Frauen im Baumarkt ansprach. Eher wirkte er wie jemand, der es einfach nicht mit ansehen konnte, wie ich kurz davor war, völligen Unsinn zu kaufen.

Ich sah zurück auf meinen chaotischen Einkaufswagen. »Ist das so offensichtlich?«

Für einen kurzen Moment zuckte ein leichtes Lächeln über sein Gesicht. Seine blauen Augen fixierten mich auf eine Weise, die mir ein kurzes, unerwartetes Prickeln über den Rücken jagte. »Ein bisschen.«

Er trat einen Schritt näher, und ein Hauch von frischer Luft und maskulinem Parfüm vermischte sich mit dem Staub des Baumarkts. Er deutete auf die Werkzeuge vor mir. »Wenn Sie nur Möbel aufbauen wollen, brauchen Sie nichts Übertriebenes. Die meisten Leute kaufen hier viel zu viel.«

»Das klingt, als hätten Sie diese Unterhaltung öfter.«

»Zu oft«, grinste er charmant. Er nahm eine kleinere Bohrmaschine aus dem Regal. »Die hier reicht vollkommen. Leicht, einfach zu bedienen, mehrere Akkuaufsätze, und sie reißt Ihnen nicht gleich die halbe Wand raus.«

Ich musste lachen. »Gut zu wissen.«

Er begann weiter durch die Werkzeuge zu gehen, als würde er haargenau wissen, wo alles lag. Die Art, wie er sich bewegte und sprach, fiel mir sofort auf: präzise, ruhig, absolut konzentriert.

»Werkzeug ist eigentlich nur eine Frage der richtigen Handhabung«, sagte er nebenbei. »Wenn man das falsche benutzt, macht man mehr kaputt als nötig.«

Ich sah ihn prüfend von der Seite an. »Sie reden darüber, als würden Sie operieren.«

Er sah kurz von der Bohrmaschine auf, und unsere Blicke trafen sich erneut. Diesmal schmunzelte er tatsächlich. »Kommt vermutlich vom Beruf.«

Da machte es im Kopf klick. »Sie sind Arzt?«

Diesmal lächelte er etwas deutlicher, charmanter, als wurde er das schon oft gefragt. »Ja.« Er legte die Bohrmaschine sanft in meinen Wagen und grinste schief. »Simon Pierce. Unfallchirurg im Lakewood Hospital.«

»Emma Dawson.«

In dem Moment, als unsere Hände sich für einen kurzen Händedruck berührten und mein Nachname fiel, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Es war nur ein kurzes Erstarren, ein winziger Moment, den man kaum bemerkt hätte, wenn man ihm nicht so fasziniert ins Gesicht gesehen hätte wie ich. Seine Finger hielten meine Hand für einen Herzschlag länger fest, als nötig gewesen wäre.

»Dawson«, wiederholte er langsam, als würde er das Wort schmecken.

Ich nickte. »Mein Vater war Andrew Dawson.«

Einen Augenblick sagte Simon nichts. Dann lehnte er sich mit einer beiläufigen, fast schon beschützerischen Geste gegen das Regal. »Ich kannte ihn.«

Natürlich. Langsam wunderte es mich nicht einmal mehr. Gefühlt kannte jeder in dieser Stadt meinen Vater. Als Wissenschaftler mit großem Ansehen war das vermutlich kaum überraschend.

»Sie sind also zurückgezogen«, stellte er fest. Es war keine richtige Frage.

»Sieht so aus.«

Sein Blick fiel kurz auf die Farbeimer in meinem Wagen. »Das Haus am See?«

»Ja.«

Wieder entstand dieses kurze, bedeutungsschwere Schweigen zwischen uns. Es lauerte etwas in seinen Augen – fast so, als hätte er eine Warnung oder eine Frage auf den Lippen. Doch er sprach sie nicht aus. Stattdessen griff er nach einer Schutzbrille aus dem Regal und legte sie kommentarlos oben auf meinen Einkauf. »Die brauchen Sie.«

Ich sah die Brille an und musste lächeln. »Sehe ich wirklich so hilflos aus?«

»Nein«, sagte er mit einer Ernsthaftigkeit in der Stimme, die mich augenblicklich wieder verstummen ließ. »Aber Menschen überschätzen sich meistens, kurz bevor sie verletzt im Krankenhaus landen.«

Diesmal lachte ich wirklich, um die plötzliche Intensität zwischen uns aufzulockern. »Und Lakewood spezialisiert sich deshalb auf Unfallchirurgie?«

»Unter anderem.« Er steckte die Hände locker in die Taschen seiner Hose, verlor mich dabei aber nicht aus den Augen. »Hier passieren erstaunlich viele Arbeitsunfälle.«

»Das klingt nicht besonders beruhigend.«

»Sollte es vermutlich auch nicht.«

Ich blickte wieder auf die Werkzeuge hinunter, um seinem intensiven Blick für einen Moment zu entkommen, und seufzte leise. »Na ja. Hoffen wir mal, dass ich Ihre Hilfe dann nicht brauche. Medizinisch gesehen.«

Sein Blick blieb einen Moment zu lange auf mir liegen, warm und unergründlich zugleich, bevor er leise antwortete: »Das hoffe ich auch, Emma.«

Simon griff noch einmal nach einer kleineren Packung Schrauben und legte sie ebenfalls in meinen Wagen.

»Die hier statt der billigen«, sagte er, während er die andere Packung herausfischte. »Die anderen brechen Ihnen beim Eindrehen weg, und dann dürfen Sie alles noch mal machen.«

»Sie retten heute wirklich mein Leben.«

»Nur Ihre Möbel.« Wieder zeigte sich dieses kurze, trockene Schmunzeln auf seinen Lippen. Dann wanderte sein Blick über den völlig überfüllten Einkaufswagen. »Sie renovieren das Haus wirklich ganz allein?«

»Offenbar«, gab ich schließlich zu.

Er fixierte mich kurz stumm mit hochgezogenen Augenbrauen, verzichtete aber auf einen Kommentar. Stattdessen griff er in die Tasche seiner dunklen Jeans und holte sein Handy heraus. »Falls Sie irgendwann merken, dass Sie doch Hilfe brauchen – ich kenne jemanden.«

Ich blinzelte überrascht. »Einen Handwerker?«

»Mhm.« Er entsperrte den Bildschirm. »Ethan Miller. Der macht hier in Lakewood eigentlich alles. Renovierungen, Elektrik, Böden, Dächer. Wahrscheinlich könnte der Typ notfalls auch ein Flugzeug reparieren.«

Ich musste lachen. »Das klingt verdammt teuer.«

»Ist er vermutlich auch«, gab Simon sanft lächelnd zu. »Aber er arbeitet gut. Ich kann ihn fragen, ob er Zeit hat. Zumindest für die gröberen Sachen.«

»Das wäre wirklich unglaublich nett.«

Für einen kurzen Moment entstand wieder dieses seltsame Schweigen zwischen uns. Es war keineswegs unangenehm, aber irgendwie schwer zu greifen. Zwischen den hohen Regalen summten die Neonlampen leise, während irgendwo im Hintergrund Metall scheppernd zu Boden fiel.

Simon steckte sein Handy schließlich wieder weg. »Und kaufen Sie keinen billigen Akkuschrauber.«

Verwirrt sah ich zu ihm auf. Mein Blick glitt hinunter zu dem Gerät, das er mir vorhin herausgesucht hatte und das bereits brav in meinem Einkaufswagen lag. Dann sah ich wieder den Arzt an. »Warum klingt das aus Ihrem Mund wie eine ernste medizinische Warnung?«

»Weil schlechtes Werkzeug Menschen aggressiv macht.«

Ich sah ihn an und dachte kurz darüber nach. Er hatte recht. Natürlich hatte er absolut recht.

Er trat einen Schritt zurück und nickte leicht in Richtung meines Wagens. »Sie schaffen das schon, Emma.«

Es war das erste Mal seit meiner Rückkehr, dass jemand meinen Namen aussprach, ohne dabei automatisch an meinen Vater zu denken. Es passierte ganz beiläufig, beinahe flüchtig, aber seltsamerweise tat genau das unheimlich gut.

Simon wandte sich bereits ab, blieb nach wenigen Schritten jedoch noch einmal kurz stehen und drehte sich um. »Und noch etwas.«

Ich hob fragend den Kopf. »Ja?«

»Wenn Martha Bloom Ihnen erzählt, dass irgendwo Geister wohnen … ignorieren Sie ungefähr die Hälfte davon.« Ein kleines, geheimnisvolles Grinsen erschien auf seinem Gesicht.

»Nur die Hälfte?«, fragte ich neugierig nach.

»Die andere Hälfte könnte stimmen.«

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging einfach weiter. Und ich bemerkte erst einige Sekunden später, dass ich immer noch lächelnd dastand und ihm hinterher sah.

 

Du willst wissen, wie es weitergeht?

Dann schau auf Amazon.de vorbei und bestelle Dir noch heute „VANTA – Das Lakewood-Projekt“